Dr. Bentz: «Unser Gehirn kann lernen, die Höhe nicht mehr automatisch mit Gefahr zu verbinden»
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Möchtest du besser verstehen, wie Höhenangst nachhaltig verlernt werden kann? Dann empfehlen wir dir nachfolgendes Interview, das wir mit der ausgewiesenen Angstexpertin Dr. Dorothée Bentz zum Thema «Höhenangst» führen durften.
Höhencoach: Frau Dr. Bentz, Sie sind eine ausgewiesene Expertin in den Forschungsbereichen Stress, Gedächtnis und Angststörungen. Weshalb ist gerade das Thema «Höhenangst» für Sie so spannend, dass sie mit «Easy Heights» gar eine spezifische App für Betroffene entwickelt haben?
Dr. Bentz: Als klinische Psychologin verstehe ich mich als Brückenbauerin zwischen der Grundlagenforschung und der praktischen therapeutischen Anwendung. Mir ist es deshalb ein Anliegen, dass unsere Forschungsergebnisse im realen Leben einen konkreten Nutzen erzielen. Die Höhenangst eignet sich dafür besonders gut, weil wir in diesem Forschungsfeld heute über eine sehr gute wissenschaftliche Grundlage verfügen, um die Erkenntnisse in wirksame Behandlungen für Betroffene zu übersetzen.
Höhencoach: Mit der von Ihnen mitentwickelten App «Easy Heights» ermöglichen Sie Betroffenen, sich in einer virtuellen Realität ihrer Höhenangst zu stellen und diese zu verlernen. Sind solche virtuellen Therapieerfolge tatsächlich in das reale Leben transferierbar? Also ganz nach dem Motto: Wer die Angst auf dem Turm in der virtuellen Welt aushalten kann, schafft dies zukünftig auch im realen Leben?
Dr. Bentz: Ja, mehrere Studien konnten zeigen, dass sich die Behandlungserfolge auch auf den Alltag übertragen lassen. Zudem ermöglicht die App auch einen einfachen Zugang, sich seiner eigenen Höhenangst auszusetzen und dadurch kontinuierlich Fortschritte zu erzielen. Von einem Verlernen würde ich jedoch nicht sprechen. Vielmehr lernen Betroffene, dass Höhensituationen nicht zwangsläufig mit starker Angst verbunden sein müssen und dass sie diese Situationen auch ohne überwältigende Angst erleben können.
Höhencoach: Was weiss man heute aus der Forschung über die möglichen Ursachen von Höhenangst?
Dr. Bentz: Da spielen verschiedene Faktoren zusammen. Eine gewisse Vorsicht gegenüber Höhen ist grundsätzlich sinnvoll und vermutlich auch evolutionär mitbedingt. Ob sich daraus eine klinisch relevante Höhenangst entwickelt, hängt wesentlich von Lernprozessen, also eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, die wir im Zusammenhang mit Höhen machen, weiteren Umwelteinflüssen und individuellen biologischen Voraussetzungen ab.
Höhencoach: Ist es wirklich so, dass niemand mit Höhenangst geboren wird?
Dr. Bentz: Die Forschung spricht nicht dafür, dass Menschen mit einer ausgeprägten Höhenangst geboren werden. Es gibt zwar Hinweise auf genetische Faktoren, welche die Entwicklung einer Höhenangst begünstigen können. Ob sich daraus eine klinisch relevante Höhenangst entwickelt, hängt vom Zusammenspiel biologischer Voraussetzungen mit Erfahrungen und Lernprozessen im Verlauf des Lebens ab.
Höhencoach: Viele Betroffene berichten uns, dass sie ihre Höhenangst erst ab dem mittleren Alter, also erst nach dem 40. Lebensjahr wahrgenommen haben. Wie erklärt sich die Entwicklung der Höhenangst über die Lebenszeit hinweg?
Dr. Bentz: Die Forschung spricht eher dafür, dass Höhenangst häufig bereits im Kindes- und Jugendalter beginnt. Eine mögliche Erklärung für diese Beobachtung wäre, dass die Angst bereits länger vorhanden war, im Alltag aber zunächst wenig Bedeutung hatte. Erst später, wenn Aktivitäten wie Wandern oder Reisen oder Aufenthalte in höheren Gebäuden häufiger werden, wird sie stärker wahrgenommen und nach Hilfsangeboten gesucht. Das ist jedoch nur eine Überlegung und tatsächlich ein Bereich, in welchem es noch weitere Forschung braucht – vor allem auch um gezielte Behandlungsangebote zu entwickeln.
Höhencoach: Welche Erklärung gibt es dafür, dass die Höhenangst zunimmt, wenn die Betroffenen nicht aktiv etwas dagegen unternehmen?
Dr. Bentz: Ich würde dies gerne andersrum formulieren: Wenn Betroffene nichts gegen ihre Höhenangst unternehmen, wird die Angst auch nicht abnehmen. Im Gegenteil, die bewusste Vermeidung von vermeintlich bedrohlichen Höhen verfestigt die Angst nur noch. Zudem ist es oft gar nicht so einfach, Höhen konsequent zu meiden. Gerade wenn diese wie Brücken, Hochhäuser oder Balkone ein fester Bestandteil unseres Lebensalltages sind.
Höhencoach: Sie haben zu Beginn gesagt, dass Sie gute Befunde haben, dass Höhenangst durch eine gezielte Exposition verringert werden kann. Wie genau findet dieses «Verlernen» der Höhenangst statt?
Dr. Bentz: Durch die bewusste Exposition mit der eigenen Angst erleben Betroffene, dass die befürchteten Folgen häufig weniger gravierend als erwartet sind und dass sie auch mit Angst, Schwindel und Herzklopfen umgehen können. Dadurch macht unser Gehirn eine neue, korrigierende Lernerfahrung und wird vergleichbare Situationen in Zukunft als weniger gefährlich bewerten. In der Psychologie spricht man dabei auch von inhibitorischem Lernen, bei dem neue Lernerfahrungen die frühere Angstreaktion zunehmend hemmen.
Höhencoach: Warum beurteilt eine von Höhenangst betroffene Person eine bestimmte Situation, wie z.B. auf einem Turm, auf einer Hängebrücke oder auf einem abschüssigen Wanderweg, als gefährlicher, als sie objektiv betrachtet, meistens ist?
Dr. Bentz: Hierzu würde ich vorab gerne festhalten, dass die Beurteilung selten objektiv, sondern immer auch von unseren persönlichen Erfahrungen und dem was wir persönlich mitbringen, geprägt ist – darunter fallen dann auch unsere Kompetenzen, aber auch wie stark unser Gehirn auf mögliche Gefahrenreize reagiert. So bewertet ein ausgebildeter Bergführer die Gefahr eines abschüssigen Wanderweges höchstwahrscheinlich anders, als ein Gelegenheitswanderer. Neurowissenschaftlich lässt sich dies so erklären, dass unser verschiedene Netzwerke in unserem Gehirn an der Beurteilung von potenziellen Gefahren beteiligt sind, wie zum Beispiel die potenzielle Absturzgefahr auf einer Hängebrücke, bewerten. Je nach Person bekommen diese Gefahren mehr oder weniger Aufmerksamkeit und bestimmte Netzwerke im Gehirn und unser Körper reagieren anders darauf. Dort setzt letztendlich auch die Therapie an. Durch eine gezielte Exposition mit der eigenen Angst, kann diese Bewertung korrigiert werden.
Höhencoach: Ist eigentlicher jeder Mensch fähig, seine spezifischen Phobien wie Höhenangst, Flugangst oder Spinnenangst zu verlernen?
Dr. Bentz: Grundsätzlich können die meisten Menschen ihre Angst deutlich zu verringern – begünstigt wird das durch regelmässiges Üben, was wiederum auch davon abhängt, wie motiviert jemand ist, die Höhenangst zu bewältigen.
Höhencoach: Sofern Betroffene nach einer erfolgreichen Expositionstherapie die Höhenangst beim Wandern nicht mehr verspüren, dürfen sie davon ausgehen, dass sie ihre Höhenangst endgültig verlernt haben? Und wenn nicht, was können die Betroffenen tun, um einen Rückfall zu vermeiden?
Dr. Bentz: Auch wenn durch die positiven Erfahrungen im Rahmen einer Expositionstherapie neue Gedächtnisspuren aufgebaut werden und Betroffene lernen, Gefahren in der Höhe wieder angemessener einzuschätzen, bedeutet dies nicht, dass das ursprüngliche Furchtnetzwerk ganz verschwunden ist. Kleine Rückfälle sind deshalb immer möglich. Doch durch regelmässige Exposition werden die Rückfälle meist seltener.
Höhencoach: Welche Empfehlungen möchten Sie Betroffenen noch auf den Weg geben?
Dr. Bentz: Fragen Sie sich erstens, warum es sich für Sie lohnt, etwas gegen Ihre Höhenangst zu tun. Zweitens, vertrauen Sie darauf die Angst bewältigen zu können und drittens, lassen Sie sich von Rückfällen nicht entmutigen.
Dieses Interview wurde am 29.06.2026 per Videogespräch geführt.
Dorothée Bentz
PD Dr. Dorothée Bentz ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und Universitätsdozentin für Klinische Psychologie und Translationale Psychotherapieforschung an der Universität Basel. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem damit, Erkenntnisse aus der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung zu Angst- und Stressreaktionen, Lern- und Gedächtnisprozessen für innovative Therapieansätze nutzbar zu machen – beispielsweise durch den Einsatz von Virtual-Reality-Technologien in der Behandlung von Phobien. Sie leitete die Studie zur Entwicklung der Virtual-Reality-App «Easy Heights», die am Forschungscluster Molekulare und Kognitive Neurowissenschaften der Universität Basel durchgeführt wurde. Die Studie untersuchte die Wirksamkeit der App und zeigte, wie Menschen mit Höhenangst mithilfe einer Virtual-Reality-App selbstständig den Umgang mit ihrer Angst trainieren können.
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Bilder: Simon Messner
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