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Alpinist Simon Messner: «Wegen meiner Höhenangst bin ich schon sehr oft umgekehrt.»

  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag


Als Sohn von Reinhold Messner, hat sich der Südtiroler Alpinist Simon Messner mit technisch anspruchsvollen Expeditionen und Erstbegehungen – abseits des Mainstreams – einen eigenen Namen gemacht. Mit dem Titel «Aus dem Schatten» ist in diesem Sommer auch ein Dokumentarfilm über Simon Messner erschienen (Kinostart im Juli 2026). In diesem intimen Porträt spricht er offen darüber, wie ihn seine Ängste geprägt haben und wie sich sein Verständnis von Risiko, Mut und Verantwortung – nicht zuletzt durch die Geburt seiner Tochter – verändert hat.

 

Höhencoach durfte mit Simon Messner am 13. Juli 2026 ein sehr persönliches und ausführliches Gespräch über seine Höhenangst führen. Für das Vertrauen und die Offenheit möchten wir Simon Messner an dieser Stelle nochmals herzlich danken und hoffen natürlich, dass sich viele weitere Betroffene durch dieses Interview ermutigt fühlen, ihre Höhenangst aktiv anzugehen.

 

 

Höhencoach: Simon, mit dem Titel «Aus dem Schatten» ist soeben ein Dokumentarfilm über dich in den Kinos gestartet. Welche Reaktionen haben dich bisher am meisten überrascht?

 

Simon Messner: Die Reaktionen waren ausnahmslos positiv. Der Film zeigt ein intimes Porträt von mir und ist deshalb auch sehr emotional geworden. Während über einem Jahr wurde ich von dem Produktionsteam begleitet. Das war nicht immer eine ganz einfache Zeit, weil ich kurz zuvor auch Vater geworden bin. Ein richtiger Wendepunkt in meinem Leben.

 

Höhencoach: Uns ist vor allem aufgefallen, wie offen du in diesem Film über deine Ängste sprichst. Ist dir dies schon immer so leicht gefallen?

 

Simon Messner: Nein, leicht gefallen ist mir das nie. Aber weshalb sollte ich meine Ängste verschweigen? Jeder Mensch hat doch Ängste, das gehört einfach zum Leben dazu. Gerade die Höhenangst hat mein Leben auch sehr stark geprägt, das will ich nicht ausblenden.

 

Höhencoach: Was denkst du, weshalb fällt es dennoch so vielen Menschen schwer, über ihre Ängste zu sprechen?

 

Simon Messner: Das hat sicher viel mit unserer Kultur zu tun. Scheitern und Angst werden in unserer Gesellschaft leider immer noch als Schwäche angesehen. Dabei sind unsere Ängste doch ein guter Motivator. Gerade beim Bergsteigen können sie uns anspornen, uns zu verbessern. Ohne Angst kein Mut, heisst es doch so schön.

 

Höhencoach: Du selbst hast ja schon als Jugendlicher stark unter Höhenangst gelitten. In Interviews konnten wir nachlesen, dass du kaum auf einer Leiter stehen konntest. Dennoch hast du seither zahlreiche anspruchsvolle Berge bestiegen und bist zu einem namhaften Alpinisten geworden. Wie passt das zusammen?

 

Simon Messner: Mein Wille hat mich so weit gebracht. Natürlich musste ich mich dabei oft überwinden. Gerade in den ersten Jahren meiner Bergsteigerkarriere erlebte ich die Höhenangst überwältigend, meine Gedanken rasten und ich geriet regelmässig in Panik.

 

Höhencoach: Das können wir uns sehr gut vorstellen. Mit Besteigungen weitab im Gebirge, wie beispielsweise auf den Yernamandu Kangri (7.180m) in Pakistan, warst du zudem ja auch wirklich auf dich allein gestellt. Fördert diese einsame Umgebung die Angst nicht noch zusätzlich?

 

Simon Messner: So bewusst hab ich mir das nicht überlegt. Bei diesem Berg war die Höhe jedoch gar nicht so spürbar. Da hatte ich beim Klettern in grossen Felswänden, wie beispielsweise in der Zinnen-Nordwand in den Dolomiten, wesentlich mehr Schwierigkeiten. Vor allem, wenn ich an einem Standplatz kurz innehalten musste und mir der gewaltigen Höhe erst so richtig bewusst geworden bin. Richtig geniessen konnte ich meine Kletterrouten deshalb nicht. Gleichzeitig wollte ich mir die Höhenangst damals auch nicht wirklich eingestehen.

 

Höhencoach: Bist du aufgrund deiner Höhenangst eigentlich auch schon einmal umgekehrt?

 

Simon Messner: Ja, sehr oft sogar.

 

Höhencoach: Ist es einfacher, einen Gipfel zu besteigen oder umzukehren?

 

Simon Messner: Gute Frage. Das kommt ganz auf die Situation an. Wenn das Wetter nicht passt oder der Körper nicht mehr mitmacht, fällt das Umkehren aber wesentlich einfacher.

 

Höhencoach: Kannst du dich noch erinnern, wann du deine Höhenangst zum ersten Mal wahrgenommen hast?

 

Simon Messner: Das erste Mal Höhenangst, an das ich mich erinnern kann, war mit etwa 15 Jahren beim Klettern. Richtig hinderlich wurde die Angst jedoch im Gebirge. Da gab es Situationen, wo ich mich nur noch an einem Felsen festgeklammert habe und nicht mehr vorwärts und rückwärts gehen konnte. Aus diesem unerträglichen Gefühl von Leere wollte ich einfach nur noch raus.



«Es gab Situationen, wo ich mich nur noch an einem Felsen festgeklammert habe und nicht mehr vorwärts und rückwärts gehen konnte. Aus diesem unerträglichen Gefühl von Leere wollte ich einfach nur noch raus.»


 

Höhencoach: Hattest du in diesen Momenten denn auch richtig Angst davor, abzustürzen?

 

Simon Messner: Rückblickend war es weniger die Angst vor einem Sturz, als vielmehr ein Gefühl von Kontrollverlust.

 

Höhencoach: Erinnerst du dich an einen Schlüsselmoment, in dem du zum ersten Mal gespürt hast: ich kann dieses Angstgefühl aushalten? 

 

Simon Messner: Eigentlich kann ich mich an keinen spezifischen Wendepunkt erinnern. Im Gegenteil, die ersten Jahre Bergsteigen waren unglaublich schwierig und ich konnte meine Touren eigentlich nie richtig geniessen. Es war jedes Mal eine riesige Erleichterung, wenn ich es bis nach oben geschafft hatte und ich nicht mehr weitergehen musste. Deswegen fühlte ich auch eine grosse innere Zerrissenheit.

 

Höhencoach: Und trotzdem hast du das Bergsteigen und Klettern nicht aufgeben?

 

Simon Messner: Nein, meine Sehnsucht nach den Bergen und mein Wille waren immer stärker.

 

Höhencoach: Und was hat dir unterwegs geholfen, die Angstgefühle auszuhalten?

 

Simon Messner: Eigenartigerweise habe ich in ganz brenzligen Situationen immer eine fürchterlich klingende Melodie gehört, die mich ablenken konnte. Rückblickend noch wichtiger war jedoch das harte Klettertraining. Meine Fähigkeiten gaben mir Sicherheit und Kontrolle. Zudem bin ich damals oft solo geklettert. Da war ich so fokussiert, dass kein Raum für Sorgengedanken mehr war. Die Angst konnte ich so richtig ausblenden. Natürlich manipuliert man sich damit auch etwas selbst, aber darin sind wir Menschen ja besonders gut.

 

Höhencoach: Bist du wegen deiner Höhenangst nie zu einem Therapeuten oder in ein Höhencoaching gegangen, so wie wir dies anbieten?

 

Simon Messner: Meine Höhenangst habe ich lange geheim gehalten und mit niemandem darüber gesprochen. Und zu einem Therapeuten hätte ich mich damals nie getraut. Um ganz ehrlich zu sein, wollte ich dies bewusst auch mit mir allein ausmachen. Es fühlte sich wie ein innerer Kampf an, den ich mit mir selbst führen musste.


Höhencoach: Und wie hat sich deine Höhenangst über die letzten Jahre entwickelt, spürst du sie heute überhaupt noch?

 

Simon Messner: Nein, so wie damals spüre ich die Höhenangst nicht mehr. Heute ist es eher ein Gefühl von Unbehagen. Zudem habe ich gelernt, dem Instinkt «umzukehren», zu widerstehen. Viele meiner Touren kann ich inzwischen ja auch wirklich geniessen.

 

Höhencoach: Bei vielen Teilnehmenden unserer Höhenangst-Trainings beobachten wir, dass sie im Anschluss an das Erfolgserlebnis eine richtige Lust und Neugier entwickeln, ihre Angstgrenzen auszutesten. Geht dir das ebenso, sprich gehst du bewusst auch Routen, wo du weisst, dass du mit deinen Ängsten garantiert konfrontiert wirst?

 

Simon Messner: Unbewusst habe ich sicher versucht, meine Grenzen immer wieder neu auszuloten. Das gehört beim Klettern und Bergsteigen ja auch dazu.

 

Höhencoach: Wie erklärst du dir eigentlich die Ursache für deine Höhenangst?

 

Simon Messner: So weit habe ich meine Höhenangst noch gar nie hinterfragt. Der Wunsch nach Kontrolle spielt dabei aber sicher eine Rolle.

 

Höhencoach: Aus unserer Erfahrung in der Begleitung von Betroffenen wissen wir, dass eine überbehütete Erziehung durch die Eltern einen grossen Einfluss hat. Wie war das bei dir?

 

Simon Messner: Erzogen wurden meine Schwester und ich primär durch meine Mutter, mein Vater war ja damals kaum zuhause. Die Erziehung war zwar streng, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sich meine Mutter übertriebene Sorgen macht. Als studierter Molekularbiologe weiss ich aber natürlich um die Bedeutung der Erziehung.

 

Höhencoach: Glaubst du daran, dass alle Betroffenen ihre Höhenangst verlernen können?

 

Simon Messner: Wenn Traumata mitspielen, wäre ich mit meiner Beurteilung vorsichtiger. Ansonsten glaube ich schon, dass mit genügend Wille sehr viel möglich ist. Mich persönlich hat die Sehnsucht nach den Bergen jedenfalls sehr stark getrieben. Überhaupt denke ich, wird die Kraft des Willens und auch die körperliche Leistungsfähigkeit oft unterschätzt. Dies erlebe ich insbesondere auf langen Touren: der Verstand sagt schon lange, dass er nicht mehr kann, doch der Wille bringt mich fast immer ans Ziel.

 

Höhencoach: Zum Schluss, welche Empfehlungen möchtest du anderen Betroffenen unbedingt auf den Weg geben?

 

Simon Messner: Die Höhenangst nicht einfach hinnehmen, sondern etwas dagegen zu unternehmen. Neugierig und langsam vortasten und bei Rückfällen nicht aufgeben. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich eindeutig bestätigen: Durch eine regelmässige Exposition lässt die Höhenangst mit der Zeit nach. Deshalb bin ich auch so dankbar, dass ich nicht aufgegeben habe.

 

 

Filmtipp:

Der Film «Aus dem Schatten» läuft seit 7. Juli 2026 in zahlreichen Kinos in Deutschland, Österreich und vereinzelt auch im Südtirol. In der Schweiz sind aktuell noch keine Vorführungstermine geplant, sollten aber noch kommen. Hier kannst du schon einmal den Trailer ansehen:


 

 

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Hier findest du sogleich auch unsere drei aktuellsten Höhenangst-Trainingstermine:


Hochtour aufs Vrenelisgärtli trotz Höhenangst (CH), 6.-7. Sep*

Höhenangst-Training Garmisch Partenkirchen (D), 11.-12. Sep

Höhenangst-Training Grosser Mythen (CH), 25. Sep


*nur noch 1 Platz frei


Weitere Termine findest du auf Höhenangst-Training


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Copyright: Höhencoach, Inhaber David Elsasser, 8840 Einsiedeln, Schweiz


Bilder: Simon Messner



 

 






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