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«Blau-weiss-markierte Alpinwanderwege sind für viele schon eine sehr grosse Herausforderung», sagen die Expertinnen der Alpinschule Glarnerland

vor 49 Minuten
8 Min. Lesezeit

Bild: Melanie Gath und Moni Bont von der Alpinschule Glarnerland


Was passiert, wenn alpine Kompetenz auf die Erfahrung im Umgang mit Höhenangst trifft? Seit Sommer 2026 gehen die Alpinschule Glarnerland und Höhencoach gemeinsame Wege – mit dem Ziel, Menschen mit Höhenangst neue Bergerlebnisse zu ermöglichen. Ob Hochtouren, Skitouren oder Alpinwanderungen in den Schwierigkeitsgraden T4 und T5: Die gemeinsamen Angebote richten sich an Bergbegeisterte, die sich bisher von ihrer Höhenangst auf anspruchsvolleren Routen haben bremsen lassen. Dabei verbinden sich zwei Kompetenzen, die sich ideal ergänzen: Die Bergführer:innen der Alpinschule Glarnerland bringen ihr umfassendes alpines Know-how ein – von Tourenplanung, Tourenführung und Gehtechnik über Ausrüstung bis hin zu Sicherungsmethoden. Höhencoach wiederum bringt seine grosse Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit Höhenangst ein. Wie gut diese Kombination in der Praxis funktioniert und welche Erfahrungen sie im ersten gemeinsamen Jahr gemacht haben, erzählen Melanie Gath und Moni Bont von der Alpinschule Glarnerland in folgendem Interview mit Höhencoach gleich selbst:

 

Höhencoach: Wie kommt eine Alpinschule darauf, anspruchsvolle Bergtouren für Menschen mit Höhenangst anzubieten – ist das nicht ein Widerspruch?

Melanie: Wir haben in der Vergangenheit immer wieder Anfragen bekommen von Menschen, die den grossen Wunsch haben oder das Ziel verfolgen, einen bestimmten Gipfel zu erreichen, aber unsicher sind, ob sie es sich in letzter Konsequenz auch wirklich zutrauen. Oft ist es für uns schwer zu erkennen oder vielmehr herauszuspüren, ob hier einfach der durchaus sinnvolle und verständliche Respekt dahinter liegt oder ob die Person womöglich tatsächlich unter Höhenangst leidet. Aber ganz unabhängig davon wollen wir allen Menschen, die gerne in den Bergen sind und Gipfelziele verfolgen, helfen, diese auch zu erreichen. Für uns ist das kein Widerspruch, sondern vielmehr ein hohes und besonders bewundernswertes Ziel, bei dem wir gerne unterstützen, wo wir können.

 

Höhencoach: Was war rückblickend das ausschlaggebende Ereignis, sich mit Höhencoach zu vereinen?

Melanie: Letztendlich gab es vermutlich zwei ausschlaggebende Situationen.

Moni: Ich hatte eine Anfrage von einem Mann, der einen Bergführer für sich privat für einen Tag buchen wollte. Sein Plan war, dass ihn der Bergführer bei den schwierigen und ausgesetzten Stellen auf der Tour coachen sollte. Weil ich erst kürzlich von euch Höhencoaches und euren Angeboten gelesen hatte, dachte ich, dass für den Mann dieses Angebot wohl besser zugeschnitten wäre, als die Betreuung durch einen unserer Bergführer. Die Bergführer sind ja nicht explizit geschult für «Höhenangst-Patienten» und es kann auch nicht jeder mit dieser Problematik umgehen. Kurzum habe ich den Mann an euch verwiesen.

Melanie: Zum anderen wollten wir zum Sommer 2026 ohnehin unser Programm ausbauen, weil wir das Ziel haben, eine konkrete Lücke zu schliessen. Wir konnten immer mehr beobachten, dass Menschen, die viel in den Bergen unterwegs sind und teilweise durchaus anspruchsvolle und lange Touren gemacht haben, den nächsten Schritt gehen wollen. Dass dieser Schritt aber nicht unbedingt direkt die erste Hochtour sein muss, sondern vielleicht eher erst mal die ein oder andere Tour im Bereich T4 und T5. Das alleinige Begehen von blau weissen Wegen ist für viele auch schon eine grosse und teilweise durchaus zu grosse Herausforderung. Und genau in diesem Bereich sind wir davon ausgegangen, durchaus auf mehr Personen zu treffen, die womöglich konkret durch Höhenangst gebremst sind, die nächsten Schritte, respektive die nächst schwereren Routen anzugehen. Hier konkret setzen wir jetzt ja auch mit unserer Zusammenarbeit an.


Melanie: «Oft ist es für uns schwer zu erkennen, ob einfach ein grosser Respekt dahinter liegt oder ob die Person tatsächlich unter Höhenangst leidet.»

 

Höhencoach: Gab es auch Berührungsängste oder Zweifel, sowohl bei euch intern, als auch von anderen Beteiligten? Schliesslich haben wir uns zuvor ja noch nicht persönlich gekannt.

Moni: Wir fanden das Thema gleich von Anfang an sehr spannend und da wir ja auch immer wieder mit Menschen zu tun haben, die unsicher sind, ob sie mit ihrer Höhenangst bei unseren Touren am richtigen Ort sind, waren wir interessiert, das Angst-Coaching näher kennenzulernen.

Melanie: Also wir haben uns vorab schon tiefgehend informiert, wer ihr seid und was genau ihr macht. Dazu gehörte für uns dann aber auch sehr schnell ein persönliches Kennenlernen mit euch, um Fragen loszuwerden und den ein oder anderen durchaus vorhandenen Zweifel im Idealfall ausräumen zu können. Da das Wort «Coach» fast schon ein geflügeltes Wort geworden ist und doch viele Personen sich damit schmücken, mussten wir für uns unbedingt herausfinden, was tatsächlich dahintersteckt. Vor allem rund um das Thema Angst und in der Arbeit mit psychologischen Themen, ist Vertrauen ja essentiell. Daher war klar, dass im ersten Schritt auch wir euch vertrauen können mussten.

 

Höhencoach: Und welche Erfahrungen habt ihr mit diesen Höhenangst-Angeboten seither gemacht?

Melanie: Die gemeinsamen Angebote im letzten Sommer 2026 waren aus unserer Sicht ein grosser Erfolg. Die Teilnehmenden sind so voller Dank und zurecht auch voller Stolz. Und während wir uns zum einen einfach ganz persönlich mit jeder/jedem einzelnen freuen, ist es für uns natürlich auch ganz besonders schön, wenn einige im Anschluss sogar direkt den nächsten Schritt gemeinsam mit uns gehen wollen. Wenn beispielsweise nach der erfolgreichen T4-Tour dann die Tour auf das Vrenelisgärtli folgt und womöglich danach sogar noch weitere Gipfelziele. Das sind dann so wunderschöne Geschichten, die wir mit dem Höhencoach-Team und vor allem mit den mutigen Gästen schreiben können.

 

Melanie: «Die gemeinsamen Angebote im letzten Sommer 2026 waren aus unserer Sicht ein grosser Erfolg. Die Teilnehmenden sind so voller Dank und zurecht auch voller Stolz.»


Höhencoach: Uns war aufgrund verschiedener Anfragen von Betroffenen zwar bewusst, dass eine Nachfrage besteht, wie rasch die ersten Angebote jedoch ausgebucht waren, hat uns dann aber doch sehr überrascht. Geht das bei euren Tourenangeboten immer so schnell?

Melanie: Das können wir so ganz allgemein jetzt nicht behaupten. Grundsätzlich ist es schon so, dass beispielsweise vor allem die Hochtour auf das Vrenelisgärtli eine sehr beliebte und gut gebuchte Tour ist. Aber dass unsere gemeinsamen Angebote so schnell ausgebucht waren, ist für uns ganz klar ein Zeichen dafür, dass wir hier mit unseren neu erschaffenen Angeboten eine Lücke füllen und eine Zielgruppe ansprechen, die offensichtlich auf so eine Möglichkeit gewartet und gehofft hat. Das freut uns natürlich sehr und motiviert für die Zukunft.

 

Höhencoach: Du Moni, hast die zweite Hochtour trotz Höhenangst aufs sagenumwobene Vrenelisgärtli ja persönlich begleitet. Wie hast du diese beiden Tage erlebt und was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Moni: Für mich war sofort klar, dass ich gerne eine Gruppe auf dem Weg zum Vrenelisgärtli begleiten möchte. Während der Tour war ich in einer Seilschaft involviert und konnte die Teilnehmer auch persönlich unterstützen. Für mich war sehr beeindruckend, wie offen die Teilnehmer mit ihrer Angst umgegangen sind. Nicht jede/r hat am gleichen Ort dieselben Ängste. Auch wurde mir klar, wie die Höhencoaches und Bergführer dabei gefordert sind und was sie leisten müssen. Es braucht viel Voraussicht, Aufmerksamkeit und Verständnis, um auf die Menschen einzugehen und sie kompetent begleiten zu können. Die Betroffenen brauchen viel Geduld und entsprechend dauert eine solche Tour fast doppelt so lange, wie gewohnt. Die Teilnehmer waren untereinander ebenfalls sehr hilfsbereit und es entstand eine super Gruppendynamik, so quasi: Gemeinsam schaffen wir das! Nach der Tour bekam ich viele positive Feedbacks und einige Teilnehmer bedankten sich auch persönlich bei mir.


Moni: «Für mich war sehr beeindruckend, wie offen die Teilnehmenden mit ihrer Angst umgegangen sind.»


Höhencoach: Hand aufs Herz, kannst du mit den Betroffenen wirklich mitfühlen? Du selbst hast ja noch nie an Höhenangst gelitten, oder?

Moni: In meinem Freundeskreis habe ich einige Menschen, die mit ihrer Höhenangst kämpfen. Ich kann die Höhenangst zwar nicht fühlen, aber ich sehe, wie einige Menschen sehr darunter leiden. Nach diesen 2 Tagen habe ich Methoden kennengelernt, die ich privat ebenfalls umsetzen und anwenden möchte. Es liegt mir am Herzen, anderen Menschen zum Erreichen ihrer persönlich gesteckten Ziele zu verhelfen. Der Gedanke, etwas gemeinsam geschafft zu haben, finde ich sehr erfüllend.


Moni: «In meinem Freundeskreis habe ich einige Menschen, die mit ihrer Höhenangst kämpfen.»


Höhencoach: Melanie, von dir als Verantwortliche für das Marketing interessiert uns natürlich, ob die Reaktionen auf diese spezifischen Angebote für Menschen mit Höhenangst anders ausgefallen sind, als auf eure übrigen Angebote?

Melanie: Eine konkrete Sache ist tatsächlich aufgefallen. Neben dem Angebot mit euch, haben wir zwei weitere Touren auf das Vrenelisgärtli im Programm. Zum einen die Tour für Newcomer, bei der am ersten Tag ein gröserer Theorieteil integriert ist. Und die «normale» Hochtour auf das Vrenelisgärtli. Vor allem Teilnehmende, die an der Tour für Newcomer interessiert waren, haben sich fast durchwegs auch über das Höhenangst-Training informiert. Das hat uns zum einen gezeigt, dass die Informationen über das neue Angebot eine gewisse Reichweite erreicht haben und zum anderen, dass wir tatsächlich, wie erhofft, damit eine Lücke schliessen. Denn Personen, die mit Blick auf das Newcomer-Angebot unsicher sind, haben jetzt die Möglichkeit über das Höhenangst-Training einen anderen Zugang zu wählen.

 

Höhencoach: Was denkt ihr, welchen Nutzen hat die Alpinschule Glarnerland von dieser Angebotserweiterung insgesamt?

Melanie: Wir können darüber eine Zielgruppe ansprechen und erreichen, für die wir ohne das Höhencoach-Team kein geeignetes Angebot hätten. Natürlich sind Bergführer:innen grundsätzlich auch für den Fall geschult, dass eine Person am Berg womöglich eine Blockade hat oder Angst bekommt. Doch die Möglichkeit, diesen Menschen mit eurer Unterstützung zu helfen, neue Ziele zu erreichen, weitere Gipfel angehen zu können und sogar ganz konkret ihre Höhenangst zu verlernen, ist eine ganz wunderbare Erweiterung unseres Portfolios.

 

Höhencoach: Und wie geht es nun weiter, was steht noch alles in der Warteschlaufe, worauf sich Betroffene von Höhenangst noch freuen dürfen?

Melanie: Wir freuen uns total, dass wir uns von beiden Seiten sofort einig darüber waren, die Zusammenarbeit fortzusetzen und sogar auszubauen. Die Hochtour trotz Höhenangst ist schon jetzt auch im Programm für den Sommer 2027. Darüber hinaus haben wir auch wieder ein Angebot mit unserer Wanderleiterin Maya im Programm, allerdings an einem anderen Berg. Die T4 Tour geht auf das Mittagshorn. Und ganz neu freuen wir uns auch darüber, das gemeinsame Angebot nochmal zu vergrössern – um eine T5 -Tour für Fortgeschrittene. Konkret geht es hier auf das Märcher Stöckli. Für alle drei Touren sind die Daten sogar schon online und erste Buchungen haben wir auch schon. Das freut uns extrem.

 

Höhencoach: Toll, da freuen wir uns natürlich auch sehr darauf! Und damit sie nicht vergessen geht: neu haben wir ja auch eine Skitour für Menschen mit Höhenangst im Programm. Zum Schluss, was ist aus eurer Sicht das beste Argument, bei uns ein Angebot zu buchen?

Melanie: Mit dieser Zusammenarbeit kommt das Beste aus zwei Welten zusammen. Die Expertise rund um das komplexe Thema der Höhenangst und wie man diese verlernen kann auf eurer Seite. Und zum anderen die grösstmögliche Sicherheit am Berg durch unsere Bergführer:innen, die darüber hinaus unsere Glarner Bergwelt so gut kennen, wie kein anderer.

 

Höhencoach: Wir könnten es nicht besser formulieren. Dann bleibt uns an dieser Stelle nur nochmals vielen Dank für das Vertrauen und die bisher so angenehme Zusammenarbeit zu sagen.

 


Dieses Interview wurde im Oktober 2026 geführt. Die Schwierigkeitsgrade T4 und T5 orientieren sich an der Wanderskala des Schweizer Alpenclubs SAC. In Deutschland, Österreich und im Südtirol gelten teilweise andere Skalen und Farbgebungen, den Vergleich findest du hier. Gemäss dem Schweizer Risikoschutzgesetz ist Höhencoach übrigens auch rechtlich verpflichtet, seine Angebote ab einem Schwierigkeitsgrad von T4 durch eine:n ausgebildete:n und anerkannte:n Bergführer:in begleiten zu lassen.



Möchtest auch du deine Höhenangst auf anspruchsvollen Alpinwanderungen, Hochtouren oder Skitouren verlernen? Hier findest du die Angebote, welche wir gemeinsam mit der Alpinschule Glarnerland anbieten:



Höhenangst-Trainings für Fortgeschrittene T4-T5 in Österreich, wie auch all unsere übrigen Trainingsangebote, findest du auf unserer Website in der Rubrik Training


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