«Noch nie bin ich so entspannt auf einem Gipfel gestanden und habe den Tiefblick ohne Fluchtgedanken geniessen können.»

Das zweitägige Höhenangst-Training für Fortgeschrittene (T4), welches wir im letzten Juli 2026 gemeinsam mit der Alpinschule Glarnerland angeboten haben, ist eine wahre Erfolgsgeschichte. Die sechs Teilnehmenden Anna, Chantal, Kimberly, Armin, Attila und René standen am Ende alle auf dem Gipfel des Vorder Glärnisch und konnten die traumhafte Aussicht auf den Klöntalersee ganz angstfrei geniessen. Der beeindruckenden Leistung von Attila haben wir bereits eine Erfolgsgeschichte gewidmet, hier zum Nachlesen: Attila's steiler Weg nach oben. Nun interessiert uns aber natürlich auch von den übrigen Teilnehmenden, wie es ihnen seither ergangen ist und haben sie alle zu diesem Interview eingeladen. Wir sind gespannt!
Höhencoach: Natürlich interessiert uns gleich als Erstes: Wie steht es heute um eure Höhenangst?
Anna: Ich konnte direkt nach dem Training weitermachen und viele Touren unternehmen, die schon lange auf meiner Liste standen, aber die ich mich bisher leider noch nicht getraut habe. Unter anderem einen Klettersteig in B/C. Ich bin nun seit 4 Wochen nicht mehr unterwegs gewesen, denke aber sehr zuversichtlich über neue Touren nach und traue mir da auch mehr zu. Also einfach mal probieren und schauen, wie es mir geht.
Armin: Ich habe relativ bald nach dem Training einige Touren im Bereich T3 bis T4 gemacht, welche ich früher gemieden oder abgebrochen hatte. Diese konnte ich nun alle bewältigen. Nicht ganz «angstfrei» oder frei von irrationalen Panikmomenten, aber ich konnte mit den Stresssituationen umgehen und habe nun einige Methoden im Koffer, welche ich in solchen Situationen anwende. Ich kann Touren nun auch im Voraus oder während der Tour geniessen, auch wenn ich weiss, dass die «Schlüsselstelle» noch bevorsteht.
Höhencoach: Seit unserem Höhenangst-Training sind über 3 Monate vergangen. Welche Erinnerungen habt ihr noch an unsere beiden Tage im Glarnerland?
Chantal: Es hat einfach alles gepasst. Wir waren eine tolle Gruppe, die richtige Vorbereitung, der Himmel strahlend blau und vor uns ein schöner Berg, den es zu erklimmen galt. Spannend ist, dass ich mich noch an sehr viele kleine, nebensächliche Details erinnern kann. Das liegt jedoch wohl daran, dass ich den ganzen Tag sehr fokussiert war und mich wenig von meinen Gedanken ablenken liess.
Anna: Ich weiss noch, dass ich am Anfang sehr viel Respekt hatte. Ich konnte die Tour aber dann sooo geniessen, wie noch nie zuvor. Weil ich auf einmal einen inneren Ruhepool entdeckt hatte, den ich zuvor noch nie so am Berg erlebt hatte.
Armin: «Nach 45 Minuten Aufstieg wollte ich umkehren, das Training abbrechen. Ich war der Überzeugung, dass ich die exponierte Stelle, die vor mir lag, nie schaffen würde.»
René: Die beiden Tage habe ich mir einige Male auf der Zunge vergehen lassen. Die Eindrücke, besonders während dem Aufstieg, waren mir am tiefsten eingefahren. Desgleichen wuchs aber auch eine neue Lust, die Ansprüche zu heben, ohne überheblich zu werden.
Armin: Nach 45 Minuten Aufstieg wollte ich umkehren, den Kurs abbrechen. Ich war der Überzeugung, dass ich die exponierte Stelle, die vor mir lag, nie schaffen würde. Dank der behutsamen Unterstützung von Bettina und David habe ich es dann doch geschafft und fand die Stelle im Rückblick gar nicht mehr so erschreckend. Ich hatte zum ersten Mal meine mentale Barriere im Kopf überwunden. Dies war anstrengend. Aber es gab mir die Gewissheit, dass ich dies immer wieder schaffen kann.
Höhencoach: Am ersten Tag haben wir unter Anleitung von unserer Wanderleiterin Maya Kobi-Largo ja noch einige Gehtechnik-Übungen gemacht. Hat euch das rückblickend etwas gebracht?
Kimberly: Unbedingt! Ich hätte vorab nicht gedacht, dass auch die Gehtechnik Teil dieses Trainings sein würde. Heute denke ich immer wieder an das zurück, was ich damals gelernt habe, und merke, dass ich dadurch viel sicherer unterwegs bin.
Anna: Am Anfang habe ich mir gedacht: «Das ist halt wieder so Gehtechniken üben. Aber das bringt mir normalerweise nichts!», aber es hat sich als sehr wertvoll herausgestellt. Ich konnte genau diese Techniken im gerölligen Gelände anwenden. Ich hatte danach richtig Spass auf Geröll zu gehen und rutschte während zwei Stunden bergab kein einziges Mal weg. Das Gehtechnik-Training hat mir enorm viel Sicherheit gegeben sowohl beim hoch- als auch beim runter gehen.
Anna: «Plötzlich hatte ich richtig Spass, auf Geröll zu gehen und rutschte während zwei Stunden bergab kein einziges Mal weg.»
Höhencoach: Am zweiten Tag sind wir dann den steilen blau-weiss-markierten Alpinwanderweg im Schwierigkeitsgrad T4 auf den Vorder Glärnisch hochgewandert. Welche Erinnerungen habt ihr noch an diesen anspruchsvollen Aufstieg?
Chantal: Da ich mich so stark auf die Wanderung und fokussiert habe, kann ich mich an die kleinsten Details an diesem Tag erinnern. Am allerbesten jedoch an den Moment, als ich meine Krise hatte und diese gemeinsam mit der Gruppe überwinden konnte. Und den Moment danach: Ab diesem Zeitpunkt wartete ich ständig darauf, dass sich meine Angst wieder einstellt. Doch sie kam einfach nicht zurück. Sehr gut und gerne erinnere ich mich auch an das Gipfelerlebnis. Noch nie bin ich so entspannt auf einem Gipfel gestanden und habe doch tatsächlich den Tiefblick geniessen können. Auch da habe ich ständig auf den Moment gewartet, dass mich wie sonst auch mein Fluchtinstinkt packt und ich schnellstmöglich vom Gipfel runter möchte. Doch da war einfach nichts.
Höhencoach: Der Aufstieg beinhaltete ja auch exponierte Querungen an Felswänden entlang, mehrere Fels-Kraxeleien und rutschige Geröllfelder. Wir erinnern uns noch, dass je nach Geländetyp immer wieder andere aus der Gruppe an ihre persönlichen Grenzen kommen sind. Wie habt ihr das damals erlebt?
Anna: Ich hätte es mir nicht gedacht, aber ich glaube die wichtigsten Dinge waren für mich die Gehtechniken und das Üben der Angsttechniken direkt in den herausfordernden Stellen selbst. Das hat mir extrem viel Sicherheit gegeben, bis sich aus der Angst irgendwann eine Neugierde entwickelt hat. Von «Oje, ich weiss nicht, ob ich das schaffe» hin zu «Hey, ich bin gespannt, wie es da oben aussieht und wie es mir dort geht!»
Kimberly: Es war interessant zu erleben, wie jeder eine andere Stelle schwierig fand. In dem Moment war ich selbst völlig angstfrei unterwegs und musste zu meiner Überraschung feststellen, dass andere durchaus Angst hatten. Für mich persönlich waren die steilen Geröllfelder eine Herausforderung, aber ich habe gelernt, einfach schön hinunterzurutschen.
René: «In mir drin hat es zeitweise gebebt, und immer wieder überflügelte mich dieses Gefühl, der Angst wieder ein wenig an Präsenz genommen zu haben.»
René: Ich war über mich selber überrascht, wie ich die brisanten Passagen überwunden habe. Völlig entgegen meiner Erwartungen bliebe eine Blockade aus. In mir drin hat es zeitweise gebebt, und immer wieder überflügelte mich dieses Gefühl, der Angst wieder ein wenig an Präsenz genommen zu haben. Die Emotionen, welche während, oder nach einer solchen Tour aufkommen, gehören dazu.
Höhencoach: In eurer Gruppe war eine gegenseitig starke Unterstützung und ein besonderer Zusammenhalt zu spüren. Wir erklärt ihr euch diese positive Energie?
Chantal: Wir waren einfach eine fantastische Gruppe und haben menschlich von Anfang an super gepasst. Was den Zusammenhalt sicherlich zusätzlich gestärkt hat, ist die Höhenangst, die wir alle teilen. Zu seinen Ängsten zu stehen und sich ihnen bewusst zu stellen, erfordert Mut, besonders im Beisein von Menschen, die man kaum kennt. Wir mussten alle unsere Komfortzone verlassen und persönliche Grenzen überwinden. In solchen Momenten zeigt man sich verletzlicher als im Alltag, und genau das schafft eine besondere Verbindung. Gleichzeitig verbindet uns die gemeinsame Leidenschaft für die Berge. Umso spannender war es zu erleben, dass ausgerechnet dort in den Bergen, wo wir uns so gerne aufhalten, plötzlich Ängste auftauchen können. Es ist wohl wie mit diesen Extremsituation-Erlebnissen, die Menschen bekanntlich zusammenschweisst. So ging es wohl auch uns.
Chantal: «Zu seinen Ängsten zu stehen und sich ihnen bewusst zu stellen, erfordert Mut, besonders im Beisein von Menschen, die man kaum kennt.»
Höhencoach: Auf dem Gipfel hat uns Attila aus voller Freude noch auf seiner Mundharmonika vorgespielt. Welche Erinnerungen habt ihr an diesen besonderen Gipfelmoment?
Armin: Es war einfach cool!
René: Noch eine Stunde zuvor weiter unten zeigten sich bei einzelnen Mitgliedern erste Ermüdungserscheinungen. Die Coaches zogen uns als Gruppe mit in die Entscheidung ein, wie wir den Rest anpacken wollen. Dass wir dann gemeinsam auf dem Gipfel standen und dieses Resultat feiern durften, machte die Tour noch wertvoller. Ich empfinde noch heute Stolz, aber auch Demut und Dankbarkeit für diesen Moment.
Höhencoach: Mit dem Namen «Vorderglärnisch» habt ihr im Anschluss eine eigene Whatsapp-Gruppe ins Leben gerufen, wo ihr eure weiteren Erfolgserlebnisse gegenseitig ausgetauscht habt. Hat euch das besonders motiviert?
Kimberly: Ich finde es immer mega cool, die Geschichten der anderen zu lesen und ihre Erlebnisse mitzuerleben. Es erinnert mich daran, dass ich mit meiner Höhenangst nicht allein bin. Das motiviert mich jedes Mal aufs Neue, meine eigenen Grenzen ein Stück weiter zu verschieben.
Chantal: Ja, man hat sich mit den anderen mitgefreut, zumal man selber so gut weiss, wie wichtig und schön diese Erfolgserlebnisse sind. Und teilweise habe ich auch richtig mitgefiebert, zum Beispiel, als Attila schon fast live-stream mässig über seine Wanderung berichtet hat. Es ist einfach grossartig zu sehen, wie das Training Grenzen verschoben hat und die tolle Truppe so sehr über sich selbst herausgewachsen ist.
Chantal: «Es ist einfach grossartig zu sehen, wie das Höhenangst-Training Grenzen verschoben hat und die Truppe so sehr über sich selbst hinausgewachsen ist.»
Höhencoach: Welchen Ratschlag möchtet ihr aufgrund eurer Erfahrungen anderen Betroffenen, welche dieses Interview jetzt lesen, gerne mit auf den Weg geben?
René: Die Höhenangst ist keine Frage des Alters. Ich würde nicht mehr so lange warten, sondern ein Höhentraining buchen, bevor sich gewisse Verhaltensmuster etablieren. In der Gruppe wird das Problem nicht nur angesprochen, sondern man arbeitet daran. Alleine dies nimmt dem Ganzen einen gewissen Druck. Ich schliesse nicht aus, ein Wiederholungstraining zu absolvieren, Bei Höhencoach bin ich auf Menschen und Methoden gestossen, dieser Angst entgegen zu treten, unverkrampft und objektiv. Dies in einem seriös vorbereiteten und kompromisslos sicheren Umfeld.
Kimberly: Was mir am meisten geholfen hat, ist, alles Schritt für Schritt anzugehen. Es bringt nichts, mir jetzt schon Sorgen darüber zu machen, was mich vielleicht in einer halben Stunde erwartet.
Kimberly: «Es bringt nichts, wenn ich mir jetzt schon Sorgen darüber mache, was mich vielleicht in einer halben Stunde erwarten wird.»
Höhencoach: Das klingt wirklich sehr motivierend. Und wie geht es nun bei euch weiter, habt ihr euch bereits neue Ziele gesetzt?
Anna: Ja ich möchte in Zukunft immer mehr T5/6 Touren schaffen. Das wären meine Ziele und im Winter anfangen mehr zu klettern, damit ich im Winter auch weiterhin der Höhe ausgesetzt bin.
Chantal: Ich freue mich auf den Winter, wo ich viel mit meinem Splitboard unterwegs bin. Und ich hoffe, dass ich diese ganz ohne Höhenangst meistern kann.
Kimberly: In den Bergen geht es für mich auf jeden Fall weiter! Beim Klettern traue ich mich mehr an alpine Gratkletterrouten heran und mache auch immer mehr Routen im Vorstieg. Ausserdem stehen schon ein paar T5-Wanderungen auf dem Plan. Es gibt also noch viel zu entdecken und neue Herausforderungen, denen ich mich stellen möchte!
René: «Jetzt erst recht, treibt es mich, auf einen Viertausender zu steigen.»
Armin: Ich möchte vermehrt ausgedehnte Wanderungen und Touren machen, die in die Höhe gehen. Diese möchte ich geniessen können. Ich glaube nach dem Höhentraining bin ich auf sehr gutem Weg. Ich werde dranbleiben!
René: Für dieses Jahr bleibt mir nicht mehr viel Zeit in die Höhe zu gehen, ausser mit Schneeschuhen. Nächstes Jahr habe ich u.a. das Vrenelisgärtli auf der Agenda. Ausserdem treibt es mich, jetzt erst recht, auf einen Viertausender. Auf jeden Fall sind die gelernten Tools von Höhencoach mit dabei.
Höhencoach: Grossartig! Dann sind wir ja schon sehr gespannt, eure weiteren Erfolgsgeschichten zu lesen. Alles Gute wünschen wir euch dabei.
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«Das Höhenangst-Training war für mich ein echter Befreiungsschlag. Endlich kann ich Wanderungen machen, wo Schwindelfreiheit und Trittsicherheit gefordert sind.»
Der einzige Weg aus der Höhenangst ist die regelmässige Exposition
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